Bereichernder Dialog

Ein Gespräch mit dem Architekten Sergei Tchoban über das Arbeiten als Entwerfer in Deutschland und Russland sowie die Weiterentwicklung und den Bruch von Traditionen.

 

Herr Tchoban, mit nps tchoban voss und SPEECH betreiben Sie in Deutschland und in Russland Architekturbüros. Welche Rolle spielen unterschiedliche Lebenskonzepte in Russland und Deutschland beim Entwerfen?
Die überlieferte Baukultur beider Länder beinhaltet unendlich viele Aspekte, die ich im täglichen Austausch zwischen den beiden Standorten aufzunehmen und weiterzuentwickeln versuche. Entwurf und Realisierung neuer Gebäude sind nur erfolgreich, wenn sie auf die vorherrschende Kultur, auf die regionalen und lokalen Bedingungen reagieren und integrativ wirken, nur dann sind sie von Dauer. Stil und Technik sind dabei gar nicht immer einer Tradition verpflichtet. Aber am Ende sollte ein Dialog entstehen, der das Bild des Ortes, das Geschehen und die Positionen bereichert.

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Sergei Tchoban

In Sankt Petersburg haben Sie ein sehr exklusives Penthouse realisiert. Was war der Grundgedanke? Wie wichtig ist Individualität heute in Russland?
Der Bauherr war für unsere Vorschläge stets offen und hat viele eigene Vorstellungen mit eingebracht. Die heutigen sieben Hauptinseln im Neva-Delta haben als Sinnbild für das Layout gedient. Ähnlich den Inseln der Stadt fügen sich die Nutzungsbereiche der Wohnung organisch aneinander, teils verbunden mit fließenden Übergängen oder engeren Passagen, teils getrennt durch Wände, Brüstungen oder perforierte Raumteiler. Das Penthouse besteht aus unterschiedlich stark separierten Zonen und Zellen, deren Qualitäten ganz ähnlich den Petersburger Inseln eindeutig definiert sind und sich nur an bestimmten Überschneidungsflächen und Berührungspunkten gegenseitig beeinflussen. Ab einer bestimmten Budget-Klasse sind solche individuellen Konzepte ebenso wichtig wie in Deutschland.

Ihr „Jahreszeiten-Ensemble“, ebenfalls in Sankt Petersburg, nimmt in der Fassadenbedruckung u.a. Erinnerungsbilder historischer Baustile auf. Welche Bedeutung haben in Russland Aspekte wie Tradition einerseits, möglicherweise bewusster Bruch anderseits?
Der bewusste Bruch hat fast immer etwas mit Mode und einem bestimmten Zeitgeist zu tun. Das historische Bewusstsein ist aber gerade in meiner Heimatstadt Sankt Petersburg durch ihre Entstehungsgeschichte ein ganz besonderes. Die Stadt wurde ja erst am Anfang des 18. Jahrhunderts auf den Delta-Inseln und -Sümpfen der Neva gegründet und weitgehend im Geiste des Barock und des Klassizismus geplant. Die Baumeister waren original italienische und niederländische, aber die Bauten repräsentieren einen eigenen Duktus, der über Stil und Bauart dessen, was die Planer damals mitbrachten, hinausgeht. Man hat dort heute ein starkes Gefühl für Traditionen und Brüche. Das hat sich sicherlich auch in unserem Entwurf für das Jahreszeiten-Ensemble niedergeschlagen.

Mit Ihrem dritten Büro, ST Design, widmen Sie sich Interiorprojekten und Produktdesign. Sie haben jüngst eine Büromöbelserie insbesondere auch für den russischen Markt entwickelt. Wie würden Sie das Konzept beschreiben?
Das Designkonzept für die Kollektionen von ST Design basiert auf einer Reihe architektonischer Entwurfsprinzipien. Formen, Proportionen und Rhythmen lassen eine entsprechend enge Verwandtschaft zu unseren Bauten erkennen. Dazu zählen der Einsatz natürlicher Materialien mit Liebe zum Detail und eine hochwertige Verarbeitung, die möglichst eine solide Handwerklichkeit erkennen lässt.

Wie wichtig ist die Kontinuität zwischen Architektur, Interior und Produktdesign?
Für mich sind Entwerfen und Planen in allen drei Bereichen eng miteinander verbunden. Ein Unterschied besteht aber in der Zielsetzung, also für wen und wo ein Objekt entsteht. Dadurch entwickelt sich oft eine ganz individuelle Sprache.

Kurzvita
Sergei Tchoban, 1962 in Leningrad geboren, ist geschäftsführender Gesellschafter des Büros nps tchoban voss, das mit mehreren Niederlassungen in Deutschland Städtebau und Architektur insbesondere in Deutschland, Russland und der GUS betreibt. Tchoban ist zudem Gründungspartner des Büros SPEECH in Moskau sowie des Berliner Studios ST Design, das sich Wohnarchitektur, Interior- und Produktdesign widmet. Vor einem Jahr wurde in Berlin das Museum für Architekturzeichnung der Tchoban Foundation eröffnet, das Sergei Tchobans eigene Sammlung historischer Architekturzeichnungen beherbergt.

imm koelnmesse

vdm

www.nps-tchoban-voss.de
www.speech.su
www.st-dsgn.com

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