Gläserne Garagen und ein schwarzer Würfel: Die Autostadt in Wolfsburg

Autostadt 2019

Storie: Die Autostadt in Wolfsburg macht die Werte des Volkswagen Konzerns sichtbar. Bei Führungen über das Gelände erhalten die Besucher einen Überblick – und das ist mehr als Mobilität zum Anfassen.

Sie ist stets im Wandel und bleibt doch Sehnsuchtsort für Idealisten: die Autostadt. „Eine Million Besucher jährlich, das war die ursprüngliche Erwartung“, sagt Ana-Maria Hrib. Zwei Millionen sind es geworden. Sie steht auf der Piazza der Autostadt in Wolfsburg und wartet. Tourguide Ana-Maria Hrib wird heute eine Besuchergruppe durch die automobile Themenwelt führen. Langsam trudeln die Teilnehmer ein.

Als die Gruppe vollständig ist, zeigt sie auf die Exosphäre, einen riesigen Gitterglobus des Künstlers Ingo Günther. Durchmesser: zwölf Meter. „Er steht für die Internationalität der Autostadt“, sagt sie. Ana-Maria Hrib gibt sich bei ihren Ausführungen eloquent und stilsicher. Die Gruppe hört andächtig zu. Dann weist sie auf die gläsernen Bodenplatten, darunter ein Feld von Erdkugeln aus rund 80 Globen. Jeder beleuchtet das globale Ausmaß eines sozialen, politischen oder ökologischen Themas, darunter auch das der Automobilproduktion.

Tourguide Ana-Maria Hrib erklärt die Architektur des Porsche Pavillons.

Bei ihren Erläuterungen widmet sich Ana-Maria Hrib selten dem Auto an sich. Wenn sie spricht, ist es, als spräche eine Kulturwissenschaftlerin über die Zukunft der Mobilität. Zunächst präsentiert sie einige Zahlen. Die Autostadt eröffnete mit Beginn der Expo im Jahr 2000. Seither kamen mehr 40 Millionen Besucher. Bis zu 500 Neuwagen finden hier täglich ihren Besitzer, insgesamt waren es bislang knapp drei Millionen Fahrzeuge.

Gläserne Garagen

Die Gruppe macht sich auf den Weg zu den Wahrzeichen der Autostadt. Alle Autos in den beiden 48 Meter hohen Autotürmen sind verkauft. Die vollautomatischen Hochregale dienen als Lager für bis zu 800 Neuwagen. Ihre vollverglaste Fassade gibt Einblick ins Innere.

Mit einer Geschwindigkeit von zwei Metern pro Sekunde befördert ein Lift die Autos in die Höhe zu ihren Stellplätzen. Ein Parkvorgang dauert 44 Sekunden. Damit sicherte sich das „schnellste automatische Parksystem der Welt“ einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde 2014. Plötzlich nähern sich kleine Fahrzeuge. In der Gruppe macht sich Verwunderung breit. „Das sind unsere autonomen Transportroboter“, beruhigt Ana-Maria Hrib die Besucher. „Sie fahren die Kennzeichen der Neuwagen zum Kunden-Center.“ Dann rollen die kleinen weißen Vehikel auf ihren sechs Rädern elegant an der Gruppe vorbei.

Die zwei Autotürme bieten jeweils 400 Stellplätze

 

Das weltweit größte automobile Auslieferungszentrum ist ein bestechendes Phänomen der Autokultur: Es wirkt auffällig und bescheiden zugleich. „Die Autostadt macht die Werte des Volkswagen Konzerns sichtbar“, sagt Ana-Maria Hrib. Ein Konzern zum Anfassen. Die Liebe zum Auto, sie wird auf der 28 Hektar großen Fläche in allen denkbaren Formen zelebriert – von regelmäßig wechselnden Exponaten über Lesungen und Workshops bis hin zu Konzerten.

Nur ein Viertel der Besucher kommt hierher, um ihren neuen Volkswagen in Empfang zu nehmen. Mehr als die Hälfte der Gäste möchte sich Ausstellungen ansehen oder eine der vielen Veranstaltungen besuchen. Und so überrascht es kaum, wenn Tourguide Ana-Maria Hrib erklärt: „Das meistverkaufte Produkt des Volkswagen Konzerns ist nicht der Golf, sondern die hauseigene Currywurst.“ Das Restaurant Tachometer im Kunden-Center kommt bislang auf mehr als sechs Millionen verkaufte Einheiten.

Marken als Gebäude

Ob Audi, SEAT, Lamborghini oder Porsche – inmitten der Park- und Lagunenlandschaft präsentieren sich fast alle Konzernmarken von Volkswagen in einem eigenen Pavillon. Die Architektur ist dabei ebenso individuell wie das Innenleben der Gebäude. Die Fassade des Audi Pavillons ist aus Aluminium. „Sie steht stellvertretend für das Nutzen innovativer Materialien bei der Fahrzeugproduktion“, erklärt Tourguide Ana-Maria Hrib. Im Inneren wartet der Audi e-tron01, das erste vollelektrische SUV der Marke. Anfassen ist eindeutig erwünscht.

Während die Gruppe das Interieur inspiziert, bleibt eine Besucherin abseits des Geschehens, widmet sich ihrem Eis aus Fruchtpüree in kubischer Form. „Um Zucker und Fett zu reduzieren, wird es in der Eismanufaktur der Autostadt mit Hilfe von Stickstoff schockgefroren“, erklärt Ana-Maria Hrib beim Vorbeigehen an dem Eiscafé. Das macht neugierig. Der Lamborghini Pavillon ist als schwarzer Würfel konzipiert. Die imposante Optik symbolisiert die Spitzentechnologie und italienische Handwerkskunst der legendären Supersportwagen. Der Porsche Pavillon, aus Edelstahl mit geschwungener Dachkonstruktion und nahtloser Gebäudehülle, basiert auf Prinzipien des Leichtbaus.

Die Besucher Kevin Hansen und Julia Dupius im Dufttunnel, einem Kunstwerk des Dänen Olafur Eliasson.

 

Ingenieurskunst und technische Perfektion

Eine der beeindrucktesten Stationen, so wird die Gruppe abschließend feststellen, ist das ZeitHaus. Hier werden rund 130 Jahre Automobilgeschichte mit mehr als 260 Fahrzeugen von mehr als 60 Marken illustriert. Die Ausstellung widmet sich nicht nur der Geschichte des Volkswagen Konzerns, sondern aller Marken, die einst Maßstäbe setzten – vom Bugatti Typ 57 SC Atlantic über den Tatra 87 bis hin zum Trabant oder Lamborghini 350 GT.

Wer die Vergangenheit auf den Podesten der Gegenwart betrachtet, sieht Autos als treue Begleiter der Bosse, Arbeiter und Studenten. Mit ihren unterschiedlichen Charakteren verleihen sie dem Museum eine einzigartige Atmosphäre.

Autos als Persönlichkeit. Hier die Karosserie der Zuverlässigkeit, dort das Design von Bescheidenheit und da die ehrgeizige Brückentechnologie als glänzende Metapher des Aufschwungs. Das imponiert. Einer der Besucher steht mit Ehrfurcht vor einem Volkswagen Bus-Modell T1.

Der Benz Velo ist der erste in Serie gefertigte Kleinwagen der Welt

 

Ein besonders pfiffiges Exemplar der Mobilität ist, wie sollte es auch anders sein, der Benz Patent-Motorwagen. Mit dem ersten Gesamtkonzept aus Fahrgestell und Motor schrieb Carl Benz vor 133 Jahren Automobilgeschichte. Zum Durchbruch verhalf der Erfindung aber seine Frau. Ana-Maria Hrib erzählt, wie Bertha Benz am 5. August 1888 heimlich von Mannheim nach Pforzheim und wieder zurück fuhr. „Den Treibstoff besorgte sie sich auf der Strecke, indem sie einem Apotheker seinen Vorrat an Waschbenzin abkaufte.“ Mit ihrer Reise bewies sie die Alltagstauglichkeit der Erfindung. „Sie sehen meine Herren“, sagt Ana-Maria Hrib, „bei der entscheidenden Fahrt des Automobils saß eine Frau hinter dem Steuer.“

Die Idee der Nachhaltigkeit

Auch das Thema Nachhaltigkeit wird behandelt: Die Ausstellung Level Green widmet sich dem Thema spielerisch, und erweckt es mit interaktiven Exponaten zum Leben. Dabei geht es auch um die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen. Wer möchte, kann seinen ökologischen Fußabdruck messen, mit jeder Angabe zu persönlichem Wohnraum, Konsum oder Verbrauch wachsen oder schrumpfen sehen.

An der Installation „Quelle der Inspiration“ tauchen viele Fragen auf, aber keine Antworten

 

Die Ausstellung kommt ohne moralisch erhobenen Zeigefinger daher. Und trotzdem: Wenn die Gewissheit dort Platz nimmt, wo zuvor bestenfalls eine Ahnung war, dann wächst der Fußabdruck zu einer persönlichen Unannehmlichkeit. Das Nachdenken über den eigenen Lebensstil und die eigenen Gewohnheiten setzt unmittelbar ein.

So auch an der Quelle der Inspiration, einer projizierten Wasserwand, deren Oberfläche auf Berührung reagiert und den Wasserlauf beeinflusst. Wörter wie Profite, Bildung oder Wald tauchen auf. Eine Kombination aus drei Begriffen mündet unten in einem Becken. Auch sie reagieren auf Berührung, enthüllen Fragen wie „Wann ist es 5 vor 12?“, „Welchen Preis haben innere Werte?“ oder „Möchte ich ein Eisbär sein?“ Antworten gibt es auch hier keine.

Am Ende der Führung freut sich einer der Besucher nicht nur über die Eindrücke, die er gewonnen hat, sondern auch über eine GTI Mütze, die er nach langer Suche im Zeitreise-Shop gekauft hat. Sein Herz hängt schon sehr am Auto. Gleich holt er seinen Polo GTI02 ab.

Volkswagen Media

virtual design magazine Michael Hiller

 

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